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Durch Training und Coaching zum professionellen Medien-Startup

“Die Uhr tickt”, sagt Dozentin Katrin Westerhoff. Nur zwei Stunden bleiben noch, bis vier angehende Startup-Teams ihre Projekte im kleinen Sitzungssaal der Landesanstalt für Medien NRW erstmals vor fremdem Publikum vorstellen müssen. Diese Präsentation ist für alle Beteiligten das Finale der zweiwöchigen Startup-School – und gleichzeitig der Start des rund dreimonatigen Fellowships Reinvent Local Media. 

 

Um punkt elf Uhr beginnen die vier Teams mit ihrer Arbeit an den Pitches. Heute treten sie nur vor der Belegschaft der Landesanstalt auf und müssen ihre Idee innerhalb von drei Minuten überzeugend erklären. Doch es ist die Generalprobe für den Ernstfall, denn in den kommenden Monaten werden sie damit auch die Bühnen größerer Medienkonferenzen betreten.

Pitchen gehört zum kleinen Einmaleins der innovativen Branche. Heute sollen die insgesamt acht „Fellows“ zeigen, was sie gelernt haben. Doch bis dahin ist noch einiges zu klären: Powerpoint oder PDF, duzen oder siezen? Sich in zwei Stunden Text für drei Minuten auszudenken, klingt nach einer machbaren Aufgabe. Doch diese drei Minuten sind vielleicht die wichtigsten ihrer Karriere.

Nicht unbedingt heute, aber auf einem der kommenden Pitches, in denen die Fellows ihre Idee verkaufen müssen. Sie müssen Investoren überzeugen, vielleicht sogar potentielle Kooperationspartner oder Mitarbeiter. Noch bestehen die Teams hinter den Startups lediglich aus zwei oder drei Personen, aber gute Ideen könnten wachsen und mehr Man- und Womanpower benötigen.

Zielgruppengerecht: Die richtigen Worte finden

11:50 Uhr. “Wir haben die Struktur über den Haufen geworfen. Und jetzt ist die Frage: Dürfen wir das?“, fragt Sebastian Wehkamp von “Cats with Glasses”. “Ich habe das Gefühl, wenn wir die Idee zu sehr vereinfachen, beleidigen wir die Intelligenz unseres Publikums. Wenn wir technisch und professionell bleiben, bekommen wir die volle Aufmerksamkeit der Zuhörer.“

Das heutige Testpublikum hat kaum Erfahrung mit der Bewertung von Startups und scheint daher bestens geeignet für den ersten allgemeinen Test. “Es geht um Klarheit”, erläutert Katrin Westerhoff, die das Pitchtraining hauptsächlich für Journalisten anbietet. Die klare Darstellung von Problem, Bedarf und Lösung sei das Mantra, nach dem die angehenden Startups ihre Idee verkaufen sollen. Grundsätzlich gehe es darum, dass auch ein Sechsjähriger das Basiskonzept verstehen können sollte.

12:05 Uhr. Noch 20 Minuten verbleiben, bis die Präsentationen abgegeben werden müssen. Laura ruft mit Nachdruck den Namen ihres Partners Thorsten Lenze, der gerade mit einem anderen Team im Gespräch ist. “Wir haben keine Zeit! Wir müssen das einmal komplett durchsprechen, wer was sagt. Warum sind wir für Werbepartner attraktiv?“

“Werbepartner sollten wir erstmal rauslassen, damit machst du nur ein zweites Fass auf“, antwortet Thorsten. “Aber wir müssen auch die Konkurrenz bedenken”, entgegnet Laura. “Wir haben nur drei Minuten, und 48 Sekunden gehen alleine durch das Video drauf”, versucht Thorsten ihre aktuelle Situation zusammenzufassen. Doch Laura hat noch einen wichtigen Hinweis: “Auf jeden Fall musst du sagen: Unsere Videos sind snackable.”

 

Pitch me if you can: Die Argumentation muss stimmig sein

Laura und Thorsten wirken bereits wie ein eingespieltes Team. Offenbar kommt ihnen ihre Erfahrung vor der Kamera als TV-Moderatorin und -Reporter zugute. Thorsten sei in seinem normalen Job jedoch weniger nervös, auch wenn er durch eine Kameralinse ein Tausendfaches Publikum erreiche, anstatt wie beim Pitch eben in Gesichter zu blicken. Schon nach kurzer Probe haben sie sich ihren auf drei Minuten ausgelegten Text zurechtgelegt und beginnen mit den Proben. Jedes Wort muss sitzen, schließlich gibt zu ihrem Projekt Videoguide Düsseldorf viel zu erzählen. Bis zum letzten Moment nutzen sie die Zeit für die Vorbereitung, denn auch während des Pitches zählt jede Sekunde.

Auf den richtigen Bühnen, die den vier Startups in den kommenden Monaten winken, hätte man sich den ein oder anderen Fehler vielleicht nicht mehr leisten dürfen. Dennoch sind alle Teams mit ihrer ersten Pitch-Performance zufrieden – und dem Publikum scheint es zu gefallen. Anerkennender Applaus für jedes der Teams, die sich seit dem ersten Tag der Startup School merklich weiterentwickelt haben. Ihre Konzepte sind greifbarer geworden und die tatsächliche Entwicklung neuer Medienprodukte rücken immer näher.

Startup School: die Teilnehmer und ihre Projekte

Laura Rohrbeck und Thorsten Lenze: Der Videoguide Düsseldorf bringt neue Orientierung

Steffi Krohmann und Simon Sturm: Refutura entwickelt innovative Formen des digitalen Erzählens

Lenka Mildner und Thorsten Taplik: MIT KIDZ ist ein digitaler Guide für eine barrierefreie Familienfreizeit

Dario Albiez und Sebastian Wehkamp: Cats With Glasses finden die beste Musik für jedes Videoprojekt

Ein Stelldichein der regionalen Startup-Szene

Mit dem Förderprogramm Reinvent Local Media fördert Vor Ort NRW gezielt jene Startups, die mit ihren Innovationen den (Lokal)Journalismus voran bringen wollen. Doch weil die Veranstalter großen Wert auf Vernetzung legen, haben sie zum gebührenden Abschluss der Startup School ein Netzwerktreffen mit den Teams anderer regionaler Inkubatoren und Acceleratoren arrangiert, etwa dem Startplatz Düsseldorf, dem Digihub Rheinland oder dem Future Champions Accelerator (Rhein/Ruhr).

Rund fünfzig Medienmacher und Startup-Gründer unterschiedlicher Ausrichtung kommen auf diese Weise einen Abend lang ins Gespräch, vom Junggründer im Teenager-Alter bis zum erfahreneren Experten. Digihub-Geschäftsführer Peter Hornik und Vor Ort NRW-Geschäftsführerin Simone Jost-Westendorf sind sich einig, dass sie derartige Meetups künftig regelmäßig anbieten wollen.

 

Lenka Mildnerova hingegen will erst einmal das bisher Erlebte verarbeiten und das in den vergangenen zwei Wochen erlernte Startup-Handwerk verinnerlichen. Zusammen mit ihrem Partner Thorsten Taplik will sie in den kommenden Monaten einen digitalen Freizeitguide für barrierefreie Familienfreizeit aufbauen. Sie kann es kaum erwarten, das in der Startup School gesammelte Wissen endlich anzuwenden. “Wir freuen uns, nun mit unserem Projekt so richtig loszulegen.”

 

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Kategorien Lokaljournalismus, Vor Ort NRW

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